Eines vorweg: der „Zugspitz Ultratail XL“  war mit 82 Kilometern ausgeschrieben. Für mich war allerdings nach 61 km Schluß. Aber nie war ich über ein DNF so wenig enttäuscht, wie an jenem Samstag. Klar, wäre ein offizieller Ziellauf perfekt gewesen…aber ich hatte das Ganze völlig unterschätzt. 3700 Höhenmeter standen im Raum, aber wo es hoch geht, muss es ja auch wieder runter gehen. Und runter ist ja einfacher als hoch. Ein gravierender Denkfehler eines nordischen „Fischkopps“.

„Stöcker? Wozu Stöcker!?

Der Reihe nach: Start der 82 km langen Schleife um die Zugspitze herum war das beschauliche „Grainau“, ein paar Kilometer weit von Garmisch - Partenkirchen entfernt. Von der Distanz her wusste ich, dass es machbar war. Seit November war ich gut im Training. Nur die letzten Wochen zeigten sich zäh´, bar der Motivation.

Der Startschuss hallte durch die 200 teilnehmerstarke Läuferschar und ab ging die Post.

Nach 500m der erste lange Anstieg, der irgendwie auch nicht enden wollte. Eine kurze Flachpassage und dann ging es weiter auf 1600m. Laufen war nicht möglich, schnelles Gehen mit Stöckern war angesagt. Apropos „Stöcker“. Ich war mir bis zuletzt nicht sicher, ob ich die Dinger überhaupt mit nehmen sollte. „Ich bin doch kein Nordic - Walker“, dachte ich mit einem Hauch von Überheblichkeit. Nach etwa 2 Stunden war ich mir völlig im Klaren: ohne Stöcker würde ich hier frühzeitig zugrunde gehen. Also: mein erster Tipp: nimm‘ auf jeden Fall die Stöcker mit. U-N-B-E-D-I-N-G-T!

„Hochalpin“ ist eben Hochalpin!

Dann ging es endlich bergab. Puh…die langersehnte Erholung sollte nun folgen. „So eine Scheiße“, durchfuhr es mich. „Das können die doch nicht machen“. Doch, konnten sie. Dort, wo im Winter gekonnt auf Skiern runtergewedelt wird, ging es für die Läuferinnen und Läufer ebenfalls in Wedeltechnik abwärts. Links, rechts, links, rechts…weil, runter wäre aufgrund der Schwerkraft zu einem folgenschweren Purzelbaum geworden. Ich begann mir leid zu tun. Meine Oberschenkel begannen mir leid zu tun. Dieses ewige Abstoppen fühlte sich „ungewohnt“ an. Die mittlerweile lieb gewonnenen Stöcker hielten durch und meine Oberschenkel bis dahin auch. „OK“, dachte ich, „das ist sicherlich der steilste Abstieg“. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, das sich dies wiederrum als Irrtum erweisen sollte.

Es ging nun weiter mit einem Aufstieg auf 2200m, zum höchsten Punkt des Rennens. Ich kürze das Ganze etwas ab. Nur soviel: der Weg dorthin erwies sich als absoluter Traum. Was für eine Landschaft. Was für eine wunderschöne Bergwelt. Ich war völlig geflasht. Leider konnte ich diese Schönheit nicht komplett aufsaugen, da ich mich auf jeden Schritt konzentrieren musste. Denn die Wege wurden zu Pfaden, wurden zu steinigen Geröllstrecken, bei dem jeder Schritt sitzen musste. Zudem konnte ich, je höher es wurde, nicht nach links oder rechts schauen. Ich habe Höhenangst und ich bin in meinem Leben noch nie so einer Höhe und so einer lebensbedrohlichen Tiefe ausgesetzt gewesen.

Bei Kilometer 42 etwa ging es nochmal in Serpentinen kilometerweit abwärts. Mitten in einem Tannen- und Kiefernwald. Steil, mit eingebauten „Baumstammstufen“, die aber von der Höhe her recht hoch installiert waren und somit die sowieso schon gequälten Oberschenkel abermals malträtierten. Hier gab es die ersten Anzeichen von echten Schwierigkeiten. Hier flogen auch dien ersten „Profis“ des Supertrails (108 km) an mir vorbei. Leichtfüssig und scheinbar mühelos. Mir war unbegreiflich, wie die das machen konnten. Meine Kraft jedenfalls schmolz dahin. Und das wirklich größte Problem schlich sich durch die Hintertür in meinen Organismus hinein. Der Körper schickte alles Blut zu den geschundenen Oberschenkeln. Dadurch gab´s  kaum noch ‚was für den Magen - Darm Trakt. Nicht gut. Bei Kilometer 50 hatte ich schon eine Weile nichts mehr essen können und mir wurde übel. Der Verpflegungspunkt 7 fungierte als Lazarett. Ich legte mich etwa 20 min. auf eine Liege, in der Hoffnung, mich wieder zu erholen. Es wurde kalt. Jacke und Ärmlinge sorgten hier für Besserung.

Ich lief los und wusste, ich hatte etwa 10 Kilometer flache Strecke vor mir. Es lief gut die ersten 7 km. Ich teilte Tina, die in Garmisch auf mich wartete, mit, dass ich gerade einen Durchhänger hätte, aber auf jeden Fall durchlaufen würde. Dann wieder Übelkeit und Schüttelfrost. Überanstrengung! Scheisse!

Ich sehnte Verpflegungspunkt 8 herbei. Knapp 50 Meter vorher ging es wieder steil in die Höhe und ich bekam den Körper einfach nicht mehr da hoch. Ich setzte mich auf eine Bank und führte Selbstgespräche. Noch 20 Kilometer. Noch 700 Höhenmeter. Es ist dunkel. Die letzten Meter wieder Abstieg. Und das in meinem Zustand? Puhhh.

Ein Streckenposten erkannte meine Misere. Er meinte:“ Laß´es. Gesundheit ist unser höchstes Gut.“ Das sei es nicht wert, sagte er. Natürlich wusste ich das. Aber das Ego wollte sich nicht damit anfreunden. Ich war schon vor ein paar Wochen bei einem Hunderter ausgestiegen. Was für eine Schmach. Was für ein gequirlter „Bullshit“.